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AUTOMOBILE / US-MARKT: Aufreißer für Europa - DER SPIEGEL 37/1968


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09.09.1968

AUTOMOBILE / US-MARKTAufreißer für Europa

Immer, wenn sich Maximilian ("Maxie") Edwin Hoffman, 63, in seinem Tegernseer Landhaus zum nächtlichen Acht-Stunden-Schlummer ZUrückzieht, kann er gewiß sein, am nächsten Morgen um 100 000 Mark reicher wieder aufzuwachen. Denn jedesmal, wenn er über den knöcheltiefen Teppich zu seiner Luxusliege schreitet, beginnt 10 000 Kilometer weiter westlich für seine Angestellten in Los Angeles ein voller Arbeitstag. Maxie Hoffman ist Alleininhaber der erfolgreichsten Autoimportfirma Amerikas, Hoffman Motors Corporation, Los Angeles und New York. In 22 Händlerjahren lancierte er von Alfa Romeo, Lancia, Fiat, Jaguar und Porsche bis hin zu Daimler-Benz, Volkswagen und BMW die meisten europäischen Automobile auf dem amerikanischen Markt. Seinen Erfolg verdankt der Importeur einem einzigartigen Talent: Er ist der geborene Markt-Aufreißer. "Ein hervorragender Einzelverkäufer", attestiert ihm Arnold Wychodil, Exportchef der Daimler-Benz AG, "der über viel Sinn und Geschmack verfügt, einzelne Marken anzubieten." Hoffmans Geschmack hat es die Stuttgarter Firma mit zu verdanken, daß sie heute mühelos 20 000 Wagen jährlich in den USA absetzen kann. Als der Importeur 1952 die Daimler-Vertretung für die USA übernommen hatte, redete er den schwäbischen Managern ein, daß sie auf dem amerikanischen Markt nur Fuß fassen könnten, wenn sie "einen oder zwei Sportwagen" entwickelten. Daimler befolgte Hoffmans Rat, machte zwei sportliche Zweisitzer serienreif und schickte sie nach New York, wo Hoffman an der fashionablen Park Avenue einen luxuriösen Autosalon unterhielt. Unter den Typenbezeichnungen "300 SL" und "190 SL" (heute: "280 SL") wurden Hoffmans Mercedes-Autos zu Schlagern nicht nur in Amerika, sondern in allen Ländern der Welt, von denen das Werk bis heute 54 464 Stück verkaufte. Wie bei Daimler-Benz regte Hoffman bei fast allen seinen Vertragsfirmen neue Modelle an: Für Alfa Romeo den Typ "Giulietta Spider", für Porsche den "Speedster" und für BMW den "2002". Wie vorher der 190 SL wurden auch sie zu Erfolgsrennern für die Herstellerfirmen. "Hoffman", so befand das US-Wirtschafts-Magazin "Business Abroad". "hat den Midas-Touch. Was er berührt, wird pures Gold." Midas Hoffman stammt aus Wien und emigrierte Anfang des Krieges nach New York. 1946 begann er, dort mit europäischen Autos zu handeln. "Die Leute lachten mich aus" erinnert sich heute der nur knapp 1,60 Meter messende Grollhändler an seine ersten Versuche, die vergleichsweise winzigen Wagen in den USA an den Mann zu bringen: "Ich mußte den Amerikanern erst beibringen, was ein richtiges Auto ist." Mit einem zum Rennwagen umgebauten Serienporsche fuhr der Händler 1952, damals 48, Autorennen und gewann fast jede Konkurrenz. Porsche-Chef Ferry Porsche, der gemeint hatte, Hoffman könne in den USA "so fünf bis sechs Wagen pro Jahr" absetzen, belohnte seinen Vertreter mit einem silbernen Porsche-Modell. Bereits im vierten Jahr seines Vertrags hatte Maxie Hoffman 70 Prozent der gesamten Werksproduktion verkauft. Von seinen Erfolgen geblendet, versuchte der Großhändler" auch den Wolfsburger Käfer in Amerika populär zu machen. Doch hierbei versagte sein Talent. Der Importeur mußte den Amerikanern Hitlers einstigen KdF-Wagen förmlich aufdrängen. Jedesmal, wenn einer seiner Händler bei ihm drei oder vier Porsche bestellte, bat ihn Hoffman, auch ein paar VW zu übernehmen -- "just um den Laderaum des Transporters zu nutzen". Doch umsonst. Als Hoffman zwischen 1950 und 1953 nur wenig mehr als 2000 Käfer absetzen konnte, gab er die VW-Vertretung wieder ab." Sein größter Fehler", kommentiert der New Yorker Automobil-Journalist Ernst Behrendt: Allein 1968 rechnet das Wolfsburger Werk mit einem Absatz von 500 000 VW. Europas Hersteller von Massen-Automobilen bezweifeln allerdings, ob Hoffman je in der Lage gewesen wäre, einen Strom von mehreren hunderttausend Importwagen jährlich auf die amerikanischen Straßen zu dirigieren. "Hoffman ist der typische Einzelverkäufer", urteilt Daimlers Wychodil, "aber wenn es darum ging, im ganzen Land eine Kundendienst-Organisation aufzubauen, versagte er." 1957 trennte sich die Stuttgarter Firma von ihrem Vertragshändler. Als Entschädigung für die vorzeitige Kündigung ließ sich Hoffman von Daimler-Benz acht Millionen Mark auszahlen. Wie Daimler verloren auch fast alle übrigen europäischen Autokonzerne die Freude an ihrem Aufreißer. Nacheinander gingen die Kontrakte mit Porsche, Alfa, Fiat, Lancia und Jaguar zu Bruch. Und wie bei Daimler ließ sich Hoffman, dessen Vermögen seine Freunde heute auf 120 Millionen Mark schätzen, auch von Jaguar und Porsche für die Beendigung der Partnerschaft entschädigen. Seit vier Jahren ist der Auto-Millionär ausschließlich bei BMW unter Vertrag. Mit Hilfe des BMW-Verkaufschefs Paul G. Hahnemann knüpfte er ein Netz von annähernd 300 Kundendienststationen in den USA, um sich auch als Organisator zu beweisen. Sein Midas-Touch ist noch immer wirksam: Von Januar bis August 1967 verkaufte Hoffman in Amerika 2395 BMW, in den ersten acht Monaten dieses Jahres 7405.

DER SPIEGEL 37/1968
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